Es ist ein merkwürdiger Widerspruch, der sich in den Alpen abzeichnet: In einer Zeit, in der Tourismusmanager und politische Entscheider paradoxerweise immer neue Gäste anlocken und Investment-Botschaften verbreiten, verliert der alpine Alltag zunehmend an Substanz.
In Regionen wie der Surselva, im Oberengadin oder anderswo im Kanton Graubünden dröhnen die Gipfel – aber die Täler werden stiller. Was früher der lokale Metzger, die Bäckerei oder der Dorfladen war, ist heute oft geschlossen. Und jene, die bleiben wollen, finden keinen bezahlbaren Raum zum Leben.
Während Destinationen neue Zielgruppen ansprechen – von urbanen Event-Formaten bis zu Trendsport, von internationalen Gästen mit Afro Beat Events bis zu Social-Media-Kampagnen –, wirkt die regionale Wirtschaft immer fragiler. Die Grundlage dafür ist nicht nur ein ökonomisch fragiles Klima, sondern ein soziales Gefüge, das zunehmend aushöhlt.
Die Bedeutung des Tourismus im Kanton Graubünden ist unbestritten und offizieller Ausdruck staatlicher Wirtschaftspolitik: Laut einer umfassenden Wertschöpfungsstudie generiert der Tourismus im Bündnerland jährlich 4,05 Milliarden Franken Bruttowertschöpfung, was 26,5 % der kantonalen Wirtschaftsleistung entspricht. 31,3 % der Beschäftigten stehen direkt oder indirekt mit dem Tourismus in Verbindung – jedes dritte Vollzeitäquivalent.
Nicht nur die Hotelbranche, sondern auch die Nachfrage nach Zweitwohnungen, Infrastruktur, Gastgewerbe und touristischen Dienstleistungen prägt das wirtschaftliche Selbstverständnis der Region.
Doch diese Sichtweise, die den Tourismus als wirtschaftlichen Motor feiert, greift zu kurz, wenn sie nicht zugleich die gesellschaftlichen Kosten und strukturellen Nebenwirkungen berücksichtigt. Denn so beeindruckend die Bruttowertschöpfungszahlen sind, so dünn wird der Boden unter den Füßen derjenigen, die hier dauerhaft leben und arbeiten wollen.
Während der Tourismus glänzende Zahlen liefert, zeichnet sich im Alltag eine andere Realität ab: Wohnraum wird im Kanton Graubünden immer knapper, insbesondere in Zentren und touristisch geprägten Regionen wie der Surselva, dem Oberengadin oder Albula. In vielen Berggemeinden liegt die Leerwohnungsrate bei nur etwa 0,8 %, ein drastischer Engpass, der längst nicht mehr nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Konsequenzen zeitigt.
Diese Knappheit zeigt sich selbst auf unerwarteten Ebenen: In einem Tourismuszentrum wie dem Lenk-Simmental berichtete die lokale Tourismusdirektorin, zunächst keine Wohnung finden zu können und mehrere Wochen in Hotel- und Airbnb-Unterkünften leben zu müssen, bevor sie fündig wurde.
Ein Grund für diesen Engpass liegt im hohen Anteil an Zweitwohnungen. Der Kanton Graubünden zählt mehr als 80 000 Zweitwohnungen, die – trotz touristischer Abhängigkeit – zu großen Teilen für den eigenen Gebrauch der Eigentümer reserviert sind. Laut offizieller Statistik werden rund 78 % dieser Zweitwohnungen ausschließlich von ihren Besitzern genutzt und nur ein kleiner Teil tatsächlich touristisch vermietet.
Die Folgen sind greifbar: Familien, Handwerker, Hoteliers, Pflegekräfte, Lehrer und junge Erwachsene finden oft keinen bezahlbaren Hauptwohnsitz mehr in den Tälern, in denen sie geboren wurden oder in denen sie arbeiten. Ohne Wohnraum gibt es auch keine Perspektive für Nachfolgeregelungen bei lokalen Betrieben: Metzgereien, Bäckereien, Dorfläden, Handwerksbetriebe oder kleine Gewerbe – viele Pensionierungen führen heute nicht mehr zu einer einfachen Übergabe, sondern zur Schließung.
Hier liegt der eigentliche Kern des Konflikts: Was ist die Rolle einer alpinen Region im 21. Jahrhundert? Soll sie beständig versuchen, immer mehr Gäste anzuziehen, auch wenn Wetterkapriolen und Klimawandel die winterliche Basis schwächen? Oder ist es nachhaltiger, Lebensraum und lokale Wirtschaft zu stärken, damit die Menschen, die hier leben, auch wirklich bleiben und investieren können?
Das sogenannte „Bahnhofplatz-Tourismus“ – Veranstaltungen, Events, Erlebnisinkubatoren und große Marketingkampagnen – kann kurzfristige Gästezahlen erhöhen, schafft aber selten stabile Arbeitsplätze, dauerhaften Wohnraum oder langfristige Identifikation mit der Region. Und er steht zunehmend in Konkurrenz zu einem Alltag, der ohne funktionierende Dorfinfrastruktur bald bröckelt.
Politisch wird diese Entwicklung teils euphorisch, teils kritisch kommentiert. Eine zentrale Frage lautet daher:
„Ist ein expandierender Winter- und Event-Tourismus in den Alpen überhaupt noch legitim, wenn die Klimakrise die natürliche Grundlage dieses Geschäftsmodells untergräbt?“
Diese Frage steht im Raum, weil Klimarisiken kein abstraktes Zukunftsszenario mehr sind.
Parallel zu diesen sozialen Spannungen kommt ein weiteres Problem hinzu: der Klimawandel. Schweizer Gletscher haben 2025 erneut deutlich an Masse verloren und zählen zu den größten Gletscherrückgängen der Messgeschichte, was direkte Auswirkungen auf Wasserhaushalt, Landschaftsformen und Wintersport hat.
Im Kanton Graubünden verursacht die touristische Infrastruktur – darunter Zweitwohnungen, Hotels und Seilbahnanlagen – erhebliche Treibhausgasemissionen: rund 140 000 Tonnen CO₂ pro Jahr allein durch Gebäude, was etwa 28 % der gesamten Gebäudeemissionen des Kantons entspricht. Der Tourismusverkehr allein verursacht weitere rund 70 000 Tonnen CO₂, davon ein Großteil außerhalb des Kantons, insbesondere durch Flugreisen.
Diese Fakten untermauern, warum traditionelle schneeorientierte Modelle mittelfristig fragil sind: Schneesicherheit sinkt, künstliche Beschneiung wird teurer und konkurrenziert mit natürlichen Umweltzielen. Die Frage muss gestellt werden, ob das derzeitige Modell unter dem langfristigen Einfluss des Klimawandels wirklich nachhaltig ist.
Der Trend geht weiter: Die Preise für Ferienwohnungen im Alpenraum sind seit Ende 2019 um fast 30 % gestiegen, besonders in Premium-Destinationen wie dem Engadin oder Verbier. In nobleren Segmenten liegen Quadratmeterpreise für Zweitwohnungen in Graubünden oft im Bereich von über CHF 21 000 pro Quadratmeter.
Diese Entwicklung hat direkte soziale Konsequenzen. In Pontresina berichtete der lokale Gemeindepräsident, dass steigende Immobilienpreise einheimische Bewohner zwingen, ihre Wohnung aufzugeben, weil sie sie nicht mehr halten können – ein Phänomen, das in vielen Alpendestinationen zu beobachten ist.
Hinzu kommt politisch umkämpfte Regulierung: Die 2012 angenommene Zweitwohnungsinitiative begrenzt den Bau neuer Zweitwohnungen in Gemeinden mit über 20 % Zweitwohnungsanteil, doch in vielen Bergregionen – darunter zahlreiche Bündner Gemeinden – bleibt die Umsetzung schwierig und kontrovers.
Ein oft unterbeleuchteter Aspekt ist die Bedeutung von Kleinbetrieben und lokalem Gewerbe für eine stabile, ganzjährige Wertschöpfung. Branchen wie Handel, Architektur, Immobilienmanagement, Handwerk oder das Gesundheitswesen schaffen Arbeitsplätze und tragen zur regionalen Identität bei – oft deutlich weniger anfällig für saisonale Schwankungen als der Tourismus.
Während touristische Sektoren stark von Wetter, globalen Trends und externen Kaufkraftströmen abhängen, bieten lokale Gewerbe Resilienz, Bindung und Alltagsstabilität. Sehr oft ist es nicht ein rein nostalgischer Wert, sondern eine echte wirtschaftliche Notwendigkeit, diese Sektoren zu stärken – gerade angesichts demografischer Alterung und Fachkräftemangel in vielen Bergregionen.
Am Ende stellt sich die Frage nicht als einfache Wahl zwischen Schwarz und Weiß, sondern als gewichtete Entscheidung über Prioritäten und Perspektiven:
👉 Soll eine Region vor allem immer mehr Gäste anziehen – auch wenn sie räumlich begrenzt ist, Wetter und Klima schwankt und der Druck auf Wohnraum und Alltag weiter steigt?
🤔 Oder sollte sie vermehrt Wohnraum, lokale Wirtschaft und nachhaltige Lebensqualität fördern – auch wenn das bedeutet, dass Wachstum nicht nur an quantitativen Zahlen gemessen wird?
Diese Fragen sind keine bloßen Pointen, sondern harte Realität in Graubünden und den gesamten Alpen.
Was meinst du? Soll der Fokus stärker auf Tourismuswachstum oder auf Stärkung des lokalen Lebensraums und Gewerbes gelegt werden?
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Amt für Wirtschaft und Tourismus Graubünden: Wertschöpfung des Tourismus 4,05 Mrd. CHF – Link: https://www.wertschoepfung-tourismus-graubuenden.ch
Leerwohnungsquote ca. 0,8 % in Bergregionen – blue News, https://www.bluewin.ch/en/news/switzerland/even-a-bernese-tourism-director-cant-find-an-apartment-2643430.html
Zweitwohnungen in Graubünden: Anteil und Nutzung – https://www.wertschoepfung-tourismus-graubuenden.ch/de/themen/zweitwohnungen/
Bündner Gletscher verlieren weiter Masse – AP News, https://apnews.com/article/994f227b545cfa87c2357aa1cb4f2d6d
CO₂-Emissionen aus touristischer Infrastruktur – https://klimawandel.gr.ch/de/was-tun/Seiten/202406251_CO2-neutraler-Tourismus.aspx
Preissteigerungen bei Zweitwohnungen u. Preisniveau – UBS Alpine Property Focus, https://www.ubs.com/global/en/media/display-page-ndp/en-20240528-alpine-property-focus.html
Zweitwohnungsinitiative & Bauverbot – CIPRA, https://www.cipra.org/de/news/4568